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April 1994 Die 'Solidaritätsgruppe Tur Abdin' ist ein loser
Zusammenschluss von Gruppen und Einzelpersonen,
die sich für den Erhalt des Tur Abdin und den gesicherten Verbleib der Christen in ihrer Heimat einsetzen.
Sie legt einer größeren Öffentlichkeit diese Dokumentation für das Jahr 1993 vor, um auf die äußerst spannungsgeladene
Situation der Christen im Tur Abdin aufmerksam zu machen.
Diese Christen waren in den vergangenen Monaten in einem erschreckenden Maße
Zielscheibe von Überfällen, Folterungen, Morden und Entführungen.
Überschattet und angeheizt wird diese spannungsgeladene Situation im Südosten der Türkei von der
kämpferischen Auseinandersetzung zwischen türkischem Militär (und damit der türkischen Regierung), den
'Dorfwächtern' und Angehörigen der fundamentalistischen Hisbollah auf der einen Seite und der radikalen kurdischen
Arbeiterpartei (PKK) auf der anderen Seite.
Immer wieder kommt es zu Gewalttaten gegenüber der Zivilbevölkerung.
Das Klima den Christen gegenüber ist noch intoleranter und aggressiver geworden als es bisher schon war. Die Christen fühlen
sich in ihrem Existenzrecht bedroht! (...)
DIE CHRISTEN IM TUR ABDIN
Geschichte und Bedeutung
Der Tur Abdin (= Berg der Knechte Gottes) liegt in der Südosttürkei.
Er ist ein wasserarmes Hochland zwischen dem Tigris im Norden und Osten,
der Grenze zum Irak und Syrien im Süden und der Linie Mardin-Hasankeyf im Westen.
Das politische Zentrum ist Mardin, das Zentrum der syrisch-orthodoxen Kirche mit dem
Sitz des Metropoliten ist Midyat.

Ältestes christliches Stammland
Nach der Vertreibung der Juden und Christen aus Jerusalem und seiner Umgebung durch
die Römer (70 bzw. 135 n. Chr.) bildeten sich in Antiochien, aber auch in Edessa und
Nisibis bedeutsame jüdische und judenchristliche Gemeinden. Das starke Anwachsen der
Zahl der Christen ließ früher als anderswo 'Kirchenordnungen' und theologische Schulen
entstehen, in denen das jüdische und urchristliche Erbe wirksam blieb.
Auch in den Tur Abdin soll der christliche Glaube bereits durch Apostelschüler gebracht
worden sein. Abseits von wichtigen Verkehrsstraßen entwickelte sich etwa ab 350 n. Chr.
(Kloster Mor Augen bei Nisibis) ein eigenständiges klösterliches Leben.
Wegen der ca. 80 Klöster wird der Name 'Berg der Knechte Gottes' auf den großen
Einfluss
des Mönchtums bezogen. Der Tur Abdin wurde so zum spirituellen Mittelpunkt der
syrisch-orthodoxen Kirche und behielt diesen Vorrang bis in unser Jahrhundert.
Die christologischen Fragen zum Verhältnis der göttlichen und menschlichen Natur in
Christus führten im 5. und 6. Jahrhundert zur allmählichen Loslösung von der Gesamtkirche,
wobei politische und kulturelle Entwicklungen maßgeblich mitbestimmend waren.
Als Folge bezeichnete man die Christen der syrisch-orthodoxen Kirche 1500 Jahre hindurch
fälschlich als Monophysiten, doch sind die theologischen Differenzen inzwischen ausgeräumt
und offiziell als überwunden erklärt worden.
Einen weiteren Einschnitt in der Entwicklung bedeutete die seit ca. 700 bestehende
arabischmuslimische Oberherrschaft. Die Christen wurden untertänig gemacht,
doch standen sie ebenso unter ihrem Schutz und übermittelten der arabischen Welt
das Wissen der griechisch-byzantinischen Kultur. Das kirchlich-kulturelle Leben erreichte
etwa um 1200 einen Höhepunkt, den viele Handschriften bezeugen. Erst der Einbruch der
Seldschuken und später der Kurden und die osmanische Herrschaft, die im 16. Jahrhundert
begann, führten zu einer Isolierung und anhaltenden Schwächung des kirchlichen und
eigenständigen kulturellen Lebens.
Die Tragik in unserem Jahrhundert
Der am Beginn des 20. Jahrhunderts erwachende Nationalismus, getragen von der
Jungtürkenbewegung, führte zur Missachtung der Menschenrechte, der nicht nur den
Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1914/15 auslöste, sondern auch zur Ermordung
von ca. 200.000 vor allem syrisch-orthodoxer Christen oder zur Flucht in das von den
Franzosen besetzte (heutige) Syrien führte. Im Tur Abdin, der bis dahin beinahe völlig
christlich war, konnten sie sich noch am ehesten halten, sie waren aber nach der
Abtrennung der Länder des Nahen Ostens von der Türkei vielen Repressalien von türkischer
und kurdischer Seite ausgesetzt und durch die Erklärung der Osttürkei zum Sperrgebiet
völlig isoliert.
Als im Jahr 1965 das Gebiet wieder zugänglich wurde, waren es vor allem deutsche und
schwedische Agenturen, die tausende Gastarbeiter anwarben, denen bald die Familien nach
Europa folgten. Die europäische Wirtschaft hat sie gebraucht - und sie hat damit den
Tur Abdin geschwächt. Die bedrängten Christen des Tur Abdin gingen in das ,,christliche''
Europa und in das wirtschaftliche ,,Paradies''. Die dadurch kleiner gewordene Zahl der
Christen im Tur Abdin bekam als religiöse und ethnische Minderheit umso mehr die
Recht- und Schutzlosigkeit gegenüber Kurden und Türken zu spüren. In den
zurückliegenden
20 Jahren nahmen die Menschenrechtsverletzungen gegenüber den Christen zu, so
dass weiterhin
Tausende ihre Heimat verließen.
Dazu trug in verschärfter Form der Kampf der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) gegen die
türkische Regierung bei. Die Christen gerieten zwischen die beiden Machtblöcke
und
werden dazwischen zerrieben. Auf der einen Seite zieht die PKK die Christen durch
Kontakte und Geldforderungen in die Auseinandersetzungen hinein, auf der anderen Seite
kämpfen die sog. kurdischen ,,Dorfwächter'' und die fundamentalistische
Hisbollah unter
dem Schutz des türkischen Militärs. (Als Dorfwächter bezeichnet man jene Kurden, die vom
türkischen Militär bewaffnet und bezahlt werden, um gegen die kurdische PKK zu kämpfen).
Diese auf eigene Initiative handelnden Gruppen sind es, die gegenwärtig unter den
Christen Angst und Unsicherheit verbreiten, weil sie Dörfer überfallen,
Menschen entführen
und Geld fordern. Aus diesen Gründen schrumpfte die Zahl der Christen in den letzten
Jahrzehnten ganz erheblich: von ca. 70.000 leben heute noch etwa 3000 Christen im Tur Abdin.
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